Nachgefragt zu Chuck Leavell

Chuck Leavell gilt als langjähriger „Musikalischer Direktor“ und Keyboarder der Rolling Stones. Auf dem aktuellen Album „Foreign Tongues“ wie auch zuvor auf „Hackney Diamonds“ ist er jedoch nicht vertreten. Was ist der Grund?

Wer die Studio-Alben der Stones seit Leavells Einstieg in 1982 zurückverfolgt, wird feststellen, dass er auf vielen, nicht aber auf allen Alben mitgewirkt hat. So spielte er bei „Undercover“ (1983), „Dirty Work“ (1986), „Steel Wheels“ (1989), „Voodoo Lounge“ (1994), „A bigger Bang“ (2005) und „Blue & Lonesome“ (2016) mit, nicht aber auf „Bridges to Babylon“ (1997) und den beiden letzten Alben (2023, 2026). Es liegt an der zuweilen sehr flexiblen Einspielpraxis der Band, dass diese kurzfristig entscheidet, wer als Gastmusiker dabei sein soll. Dass dies mit Leavells eigenen zeitlichen Planungen seiner sonstigen musikalischen und anderen Aktivitäten („The Tree Man“) nicht immer übereinkommt, ist nachvollziehbar. So betonte er auch schon mehrfach, nicht an jeder einzelnen Aufnahmephase der Stones beteiligt zu sein – und das sei für ihn vollkommen in Ordnung.

Seine für die Rolling Stones herausragende Rolle, die bleibt, zeigt sich gerade an einigem Anderem. Leavell ist Haupt-Keyboarder für die (längerfristig geplanten) Tourneen der Band und auf deren Live-Alben zu finden. Zuletzt begleitete er sie bei ihrer „Hackney Diamonds“-Tour, die 2024 durch 20 Städte in den USA und Kanada führte. Bei den Tourneen prägt er nicht nur den Stones-Sound durch sein virtuoses Tastenspiel mit, er dirigiert die Band und gibt Signale für Einsätze und Songübergänge. Im Vorfeld kümmert er sich um die Erstellung der Setlists. Auf ihnen finden sich Songs, von denen er denkt, dass die Band sie einüben sollte. Dazu durchforstet er sein Tour-Archiv, um zu erfahren: „Wann waren wir das letzte Mal vor Ort – und was haben wir gespielt? Einfach, um es ein bisschen anders zu gestalten. Außerdem werfe ich einen Blick auf Statistiken wie: Welcher Stones-Song wurde im letzten Jahr [zum Beispiel] in Deutschland am meisten gestreamt? Für gewöhnlich ist es das, was man erwartet, doch ab und zu tauchen Überraschungen wie ‚Streets of Love‘ auf, das in Italien durch eine TV-Serie zu neuer Popularität gelangt ist.“ Grundsätzlich würden die Fans in Europa andere Lieder bevorzugen als die in Südamerika. „Solche Dinge berücksichtigen wir. Ich fertige den Entwurf an, schicke ihn Mick, und er sagt, was er davon hält. Dann geht das Ganze an Ronnie und Keith“ (aus: Rockmagazin eclipsed). Dass Leavell dabei auf große Kompromissbereitschaft stößt, entlockt ihm im Interview ein Lächeln.

Was die Live-Musik der Stones und ihre Archivierung angeht, nannte Chuck Leavell sich (gegenüber der Schweizer Tageszeitung „Blick“) einmal „das organisatorische Gewissen der Stones“. „Seit der ‚Steel Wheel‘-Tournee 1989 zeichne ich alle Noten auf, notiere jede Nuance der Songs. Wann beispielsweise setzen die Backing Vocals ein oder das Gitarrensolo? Die Jungs kommen also zu mir, wenn sie Fragen haben über einzelne Songs.“

So kann man Leavell durchaus das Rückgrat der Stones nennen, für den es, wie er sagt, „eine Ehre, ein Privileg“ ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten. 1982 habe er gedacht: „Vielleicht bleibe ich vier oder fünf Jahre. Jetzt sind es schon [über] 40“ (eclipsed).

Worauf freut er sich in 2026 noch? Er wird am Silvesterabend als Stargast des Konzerts von „Gov’t Mule & Friends“ in der MGM Music Hall at Fenway in Boston auf der Bühne stehen.

Wolfgang W. Schüler

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