Gedicht zu „Gimme Shelter“

Ein Gedicht zu einem Song? Das findet man selten. Im vorliegenden Fall beschreibt das Gedicht zweierlei: das Hörerlebnis wie auch den historischen Bezug des Songs. Und zwar von jenem Lied, das vielfach als die beste Arbeit der Rolling Stones angesehen wird: „Gimme Shelter“. Stones Club-Mitglied Wolfgang W. Schüler aus Wiesbaden hat das Gedicht geschrieben und in seinem neuen Lyrikband „Übergänge. Gedichte eines Jahres“ veröffentlicht (S. 98-100). Der Text gelangte in die Auswahl des „11. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2025“ und erschien wiederum im gleichlautenden Buch zum Wettbewerb. In der Kommentierung der Jury heißt es: „Der bekannte Anti-Kriegs-Song hat seinerzeit Wirkung gezeigt. Seine Thematik ist aktuell geblieben.

Es gibt immer noch Kriege und sie sind immer noch schrecklich.“ Wolfgang stellt uns sein Gedicht zur Verfügung; hier ist es:

Gimme Shelter

Der Song läuft im Radio
Meine Ohren gespitzt
Ich unterbreche meine Tätigkeit
Will nur zuhören
Wie immer
wenn er anklingt

Wie oft habe ich diesen Song gehört
Seit meiner Jugend
Immer hat er mich elektrisiert
Auch heute

Keith Richards Anfangsakkorde
Dann das Einsetzen des Chors
Ruhig, gefühlvoll
Schließlich
es war zu erwarten
die Wendung zum Rock-Song

Das Aufziehen eines Sturms
Kaum besser besungen
als von Mick Jagger
Aufgalopp der Apokalyptischen Reiter
Es herrschen Zerstörung, Plünderung,
Mord und Vergewaltigung

Vietnam
Dieser ewig lange Krieg
TV-Bilder, die
um die Welt gingen
Anfangs idealisiert
dann ungeschminkt gezeigt
Die öffentliche Meinung ändernd
in Ablehnung
Protest
Forderung des Truppenabzugs

In dieser Zeit
Ende der 1960er Jahre
entstand Gimme Shelter

Jetzt die Zweitstimme
Gastsängerin Merry Clayton
schraubt sich in die Höhe
schreit ihre Verzweiflung heraus
Der ganze Song
eine Anklage
Gänsehaut auslösend
weil die Worte so entsetzlich
und die Musik so schön

Vor allem zeitlos
Dieser Ende-der-Welt-Song –
er passt noch immer
Schauen wir uns um!
Er hat nichts eingebüßt
von seiner Botschaft:
War, children
It’s just a shot away
Und klingt dabei so frisch
wie eh und je

Er sollte häufiger
gespielt werden!
Und weiter aufrütteln!

Wolfgang W. Schüler

Schreibe einen Kommentar